Was bleibt von Nokia nach dem Deal mit Microsoft?

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Nachdem Microsoft das Kerngeschäft mit Smartphones und Handys von Nokia um 5.44 Milliarden Euro übernommen hat, bleibt vom ehemaligen Handymarktführer nur wenig übrig, das allseits bekannt ist. Die anderen Bereiche des Unternehmens alleine sind jedoch weitaus profitabler und laut der Ratingagentur Fitch finanziell auch besser aufgestellt.  Zweifellos war aber Nokias Handysparte der prominentere Teil des Konzerns, jedoch können die Finnen weiterhin in anderen Bereichen mit zahlreichen Angeboten aufwarten.

Nokia wird ohne Handysparte weiterhin – von drei Säulen gestützt – am Markt vertreten sein. Mit den Kartenangeboten, die seit einiger Zeit unter dem Namen HERE zusammengefasst werden, hält Nokia weltweit einen Marktanteil von 80%. Das Kartenmaterial des 2011 von Nokia aufgekauften Unternehmens Navteq wird unter anderem an Hersteller von Navigationssystemen lizenziert. Microsoft erhält seit dem Deal mit Nokia ebenfalls Zugriff auf besagtes Kartenmaterial und darf dieses für die nächsten vier Jahre verwenden.

Daneben ist Nokia bereits seit langem als Netzwerkausrüster aktiv und konnte seit 2012 erneut Gewinne in einer Höhe von 822 Millionen Euro erzielen. Nokia Solutions & Networks wurde 2007 als Nokia Siemens Networks gegründet und arbeitet seitdem an mobilen Breitband- sowie LTE-Chips. Jedoch hat sich Nokia im Juni dieses Jahres die Anteile von Siemens zu einer Summe von 1.7 Milliarden Euro zurückgekauft.

Die dritte erwähnenswerte Sparte von Nokia heißt Advanced-Technologies. Dort wolle man von nun an ein Auge auf das weite Patent-Portfolio von Nokia haben und in zukunftsträchtige Technologien investieren, sowie neue Bereiche auskundschaften. Dazu zählen neue Materialien, Umgebungserfassung sowie Verbindungen und Konnektivität.

Microsoft will 600 Millionen Dollar einsparen

Durch die Fusion der beiden Unternehmen wechseln 32.000 Mitarbeiter von Nokia zu Microsoft. Viele dieser Mitarbeiter fürchten nun um ihren Posten, verständlich, denn Microsoft will durch neu geschaffene Synergien jährlich 600 Millionen Dollar (rund 455 Millionen Euro) einsparen. Da nun gewisse Positionen doppelt besetzt sind, ist Microsofts mobile Sparte überverwaltet und wird über Kürzungen beim Personal nicht hinwegkommen. Zahlreiche Nokia Mitarbeiter müssen in nächster Zeit also um ihren Job fürchten, was Nokias bisher großartigem Marketing besonders schaden könnte.

Wird Nokia zum Patenttroll?

Seit einigen Jahren herrscht am Smartphone-Markt eine regelrechte Schlacht gegen die Konkurrenz. Dabei wird oftmals nicht nur mit dem besseren Produkt oder der ein oder anderen Stichelei im Marketing gekämpft, sondern vieles auch über Patente vor Gericht ausgetragen. Besonders die Prozesse von Apple gegen Samsung (und umgekehrt), sowie die Google-Tochter Motorola gegen Microsoft sorgten medial für Aufsehen.
Nokia hat sich in den letzten Jahren aber zusehends aus größeren Patentstreitigkeiten herausgehalten. Dies hat damit zu tun, dass unter den Herstellern eine Art ungeschriebenes Gesetz gilt, wonach man sich bei Patentverletzung nicht gegenseitig verklagt, da man mit einer Gegenklage zu rechnen hat. Dennoch führten die Finnen 2009 zuletzt einen Prozess gegen Apple und erzielte mit dem kalifornischen Unternehmen eine Einigung über Lizenzzahlungen, angeblich über eine dreistellige Millionensumme.

Nokia befindet sich als Handypionier im Besitz zahlreicher Patente, die auch Microsoft für die nächsten 10 Jahre lizenziert hat. Die Redmonder haben selbst ein enormes Patent-Portfolio, wodurch sie hauptsächlich Android-OEMs zu Lizenzgebühren zwingen, was die Preise von deren Smartphones in die Höhe treibt. Da nun Nokia bis Ende 2015 keine eigenen Smartphones herstellen darf, braucht der finnische Konzern von seiner Smartphone-Konkurrenz keine Gegenklagen mehr zu befürchten und könnte seine Erfindungen in Zukunft lizenzieren. Auch hier profitiert Microsoft direkt vom Deal mit Nokia, da nun Geräte mit Googles Betriebssystem erneut durch steigende Lizenzkosten teurer werden.

Sehen wir je wieder ein Smartphone von Nokia?

Nokia ist auf jeden Fall eine Traditionsmarke und sehr viele Nutzer haben sich nur aufgrund der Finnen auch ein Windows Phone gekauft. Dass der Name ‚Nokia‘ nach der Übernahme zumindest im Smartphonesektor sang und klanglos verschwindet, dürfte einige Fans schwer enttäuscht haben. Die ehemalige Handysparte von Nokia geht zu Microsoft über und wird dort an neuen Produkten arbeiten. Das übrige Unternehmen wird in naher Zukunft wohl keine mobilen Endgeräte zur Verfügung stellen, denn der Vertrag mit Microsoft sieht vor, dass bis Ende 2015 kein Smartphone mit dem Namen Nokia veröffentlicht wird. Danach steht es den Finnen aber frei wieder eine mobile Sparte zu gründen und ein Smartphone zu veröffentlichen. Ob man sich dann erneut für Windows Phone entscheidet, bleibt zu bezweifeln, da aktuellen Gerüchten zufolge Nokia noch vor dem Deal mit Microsoft im an einem Android-Smartphone arbeitete. Dem chinesischen Weibo-Account CTechnology zufolge handelte es sich dabei um ein Low-End Smartphone mit einer eigenen Android-Version, ähnlich wie beim Kindle Fire. 10.000 Prototypen des Geräts mit dem Codenamen „Moutain View“ basierend auf einem Qualcomm Snapdragon 200 8225Q, werden derzeit immer noch vom taiwanesischen Hersteller Foxconn gebaut und in Peking getestet. Das Unternehmen habe nicht vor die Produktion bis November zu stoppen.

Nachdem Nokia sich 2011 von seinen Symbian-Programmierern getrennt hat, gründeten diese ein neues Unternehmen namens Jolla, das bereits ein erstes Smartphone mit dem MeeGo basierten Betriebssystem herstellt und es Ende dieses Jahres noch ausliefern will. Dieses Szenario könnte sich beim Wechsel vieler Mitarbeiter zu Microsoft wiederholen, denn der ehemalige Nokia-Mitarbeiter Thomas Zilliacus gründete am Tag des Verkaufs an Microsoft das Unternehmen Newkia.

Der Name ‚Nokia‘ wird trotz des Deals mit Microsoft nicht untergehen. Das Geschäft mit den Smartphones lief für die Finnen mit Windows Phone ohnehin nicht ideal. Nun hat das Unternehmen erst einmal Zeit, um sich wieder zu finden und mithilfe seiner anderen Sparten erneut schwarze Zahlen zu schreiben. Was danach kommt, wissen die Verantwortlichen bei Nokia möglicherweise selbst noch nicht.

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