Umstrukturierung: Microsoft schlägt bei Entlassungen über die Stränge

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Microsoft Köln Titelbild

Wir haben bereits vor einigen Tagen davon berichtet, dass Microsoft die Entlassung von 1850 angekündigt hat. Das Unternehmen hat damals erklärt, dass 1350 dieser Stellen in Finnland abgebaut würden und es vorrangig Leute aus der ehemaligen Nokia-Sparte betreffen wird. Wie der Kollege Martin von Dr. Windows bereits geschrieben hat, scheint die neue Entlassungswelle auch Leute aus dem gesamten Ökosystem zu treffen, also neben der Mobile-Abteilung werden auch andere Bereiche wesentlich verkleinert.

Die (zu lange) Ruhe vor dem Sturm erzeugen?

Zweifellos scheint Microsoft den einzelnen Ländern einige Kompetenzen entziehen zu wollen und die Beziehungen vornehmlich aus den USA zu leiten, wie man es zu Beginn mit den Surface-Geräten gemacht hat und es mit dem Microsoft Band immer noch praktiziert. Sämtliches Marketing findet in den USA statt, die einzelnen Länder haben dafür weder Kompetenzen, noch Ressourcen. Bei den Lumias war das bislang umgekehrt, aber spätestens seit dem Lumia 950 lässt man auch diesen Bereich langsam ausbluten. Mit diesen Entlassungen hat man die Vermarktung von Windows 10 Mobile in vielen Ländern komplett beendet.

Was Microsoft damit versucht, war abzusehen. Man will die Erwartungen der Medien und Kunden so gering zu halten, wie nur möglich und gleichzeitig Platz schaffen für andere Hersteller, die so lange Windows 10 Mobile am Leben halten sollen. So lange, bis Microsoft seinen Fokus wieder auf das mobile Betriebssystem verlegt und nochmals durchstartet. Zwar auf deutlich kleinerer Ebene, aber mit demselben Elan, wie damals bei ersten Microsoft Surface.

Das Problem, das auch Martin anspricht, besteht darin, dass die Entlassungen jene Leute treffen, die über Jahre diese Sparten am Leben und überhaupt in der Öffentlichkeit gehalten haben. Ohne sie wäre Windows Phone heute gar nicht mehr existent und die Lumia 950-Modelle gar nicht aus den Startlöchern gekommen. Microsoft als Hersteller von Smartphones, aber auch von Windows 10 Mobile, wird wohl in den nächsten Monaten komplett von der Bildfläche verschwinden, weil ebendiese Leute fehlen. Die Frage, die man sich als Microsoft stellen muss, ist nun jene, wie lange man es sich leisten kann, so unsichtbar zu bleiben? Hat man danach überhaupt eine Chance, zurückzukommen?

Weiterdenken: Fokus auf Europa, High-End und Business – Leitung aus den USA?

Surface 3 Review Microsoft Logo

Was passiert nach dieser willkürlichen Ruhepause, die Microsoft nun einlegen will? Man wird wieder zurückkommen, zurückkommen müssen. Daran besteht gar kein Zweifel, denn in einer „Mobile first„-Welt geht es nicht ohne Smartphone. Diese Rückkehr plant Microsoft wohl im Jahr 2017, nämlich schon im ersten Quartal, vermutlich mit dem Surface Phone. Surface Phone soll nicht nur ein neues Branding sein, sondern, um es konsequent durchzuziehen, wird die gesamte mobile Sparte umgekrempelt. Was wie ein kluger Ansatz klingt, ist in Anbetracht der aktuellen Entlassungen auf lange Sicht vielleicht die falsche Entscheidung.

Es geht darum, dass es ohne diese Mitarbeiter äußerst schwierig werden dürfte, erneut im mobilen Markt Fuß zu fassen. Was Microsoft nämlich vor hat, wirkt äußerst präpotent und dürfte wohl eher ein schlechter Schachzug des Satya Nadella sein. In Europa ist Microsoft mit High-End Smartphones stark, zumindest 10 Mal stärker als man das mit eigenen High-End Geräten in den USA ist. Bis zu 16 Prozent Marktanteil hatte Microsoft in einigen europäischen Märkten geschafft, in den USA kam man höchstens auf läppische 5 Prozent. Genau diese Leute in den USA sollen aber in Zukunft für die Operationen in Europa verantwortlich sein. Und das statt jenen, die jahrelang in diesem Markt arbeiten, teils trotz Gegenwind aus Redmond, beispielsweise durch die Bevorzugung von US-Kunden, beträchtliche Erfolge in Europa erzielen konnten.

Microsoft sieht den europäischen Markt als Goldgrube und schreibt die höhere Verbreitung der Geräte sich selbst zu und nicht den Leuten, die in Europa arbeiten. Das ist ein Denkfehler. Businesskunden bringen lokalen Unternehmen erheblich mehr Vertrauen entgegen und ob Microsoft dieses in Zukunft gewinnen kann, bleibt eine offene Frage.

Was kommt dann?

Entweder steckt hinter diesem Plan ein genialer Geniestreich und Microsoft kommt nächstes Jahr mit einem Gerät zurück, das Geschäftskunden vom Hocker haut oder man hofft darauf, dass sich der Smartphone-Markt bis dahin linear entwickelt und man durch die eigene Abwesenheit nicht so sehr in Vergessenheit gerät, dass eine Rückkehr gar nicht mehr möglich ist. Es ist eine gefährliche Gratwanderung, die Microsoft sogar noch die letzten treuen Kunden kosten könnte.

Das Produkt muss dann aber tatsächlich überragend sein, um sich von der Konkurrenz absetzen zu können. Ob Continuum, Windows Hello und ein Surface-Branding da reichen werden, ist fraglich, zudem Microsoft nicht unbedingt dafür bekannt ist, dass Produkte der ersten Generation sich perfekt verkaufen. Und selbst wenn dieses Produkt alle Rekorde brechen sollte, bleibt die Frage, ob das Marketing aus den USA reicht, um das Vertrauen deutscher Unternehmenskunden zu gewinnen, denn um diese wird es gehen. Aber wenn dieses Produkt die Erwartungen nicht erfüllen sollte, hat Microsoft erst recht ein gewaltiges Problem. Bis dahin gilt, abwarten und sehen, was kommt.


Der Artikel enthält die Meinung des Autors, welche sich nicht zwingend mit jener der gesamten Redaktion deckt.

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