Kommentar: Microsofts schwierige Consumer-Zukunft

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Microsoft geht es als Unternehmen sehr gut und das dürfte in nächster Zeit genauso bleiben. Azure, Office 365 und Microsofts andere Cloud-Dienste für Unternehmen wachsen unaufhaltsam. Aus diesem Grund muss man sich auch überhaupt keine Sorgen machen über die Existenz von Microsoft als Konzern.

Im Consumer-Bereich hat das Unternehmen allerdings eine schwere Zukunft. Selbstverständlich wird die Xbox-Marke in den nächsten Jahren sicherlich nicht verschwinden und auch mit Surface hat sich Microsoft mittlerweile eine Marke aufgebaut, die einen hohen Stellenwert bei Endkunden hat. Es war für Microsoft sehr schwer, in den Premium-PC-Markt einzudringen, doch mit Surface waren diese Bemühungen trotz des ursprünglichen Versagens des Surface RT am Ende von Erfolg gekrönt.

Ambient Computing – Hier kann Microsoft abgehängt werden

Doch trotz vieler Anstrengungen in unterschiedlichen Bereichen konnte Microsoft diesen Erfolg im Consumer-Bereich nicht überall replizieren. Ein gutes Beispiel ist sicherlich das Smartphone, wo Microsoft über die letzten Jahre sicher 10 Milliarden US-Dollar verbrannt hat.

In den nächsten Jahren ist vom Bereich des Ambient Computings einiges zu erwarten und sowohl Startups als auch die großen Konzerne wollen hier mitmischen. Das Ambient Computing beschreibt das Erledigen von Computer-Aufgaben über Sprachsteuerung oder generell neue Methoden der Eingabe. Wenn wir Cortana sagen, einen Termin einzutragen anstatt die App zu öffnen und den Termin per Tastatur einzutippen, dann ist das Ambient Computing. 

Cortana – Ist die Schlacht schon verloren?

In diesem Bereich kämpfen momentan Cortana, Siri, Alexa und der Google Assistant im die Gunst der Kunden. Amazon hat mit Alexa den smarten Lautsprecher in die Wohnzimmer vieler Kunden gebracht und von dort hat das Unternehmen eine sehr gute Startposition. Neue Geräte werden mit Bedacht auf das zentrale Steuergerät Alexa erworben und mit gewissem Marktanteil kann Amazon sowohl den eigenen Shop als auch die Cloud-Dienstleistungen an Entwickler vermarkten.

Der Google Assistant liegt nur knapp dahinter, hat allerdings einmal die Android-Kundenbasis hinter sich. Google Home ist mit dem Google-Account und somit vielen Diensten kompatibel, welche die Mehrheit der Smartphone-Nutzer ohnehin verwenden.

Cortana und Siri haben bislang eine ähnlich schwierige Situation, denn beide Hersteller tun sich schwer, ihre digitalen Assistenten dorthin zu bringen, wo sie tatsächlich verwendet werden. Cortana und Siri sind bereits am Smartphone und PC vertreten, doch beiden fehlt noch die Präsenz im Haushalt. Apple hat den eigenen HomePod-Lautsprecher für Dezember dieses Jahr angekündigt, während Microsoft mit HP und Harman Kardon als Partner bereits zwei Cortana-Lautsprecher geplant hat. Sowohl Siri als auch Cortana werden allerdings vorerst exklusiv in den USA funktionieren.

Alexa hat somit einen weitaus höheren Marktanteil als Cortana und Siri, während Google dank des bereits auf dem Markt befindlichen Google Assistants noch Chancen hat, aufzuholen. Für Apple und Microsoft könnte es indes schwer werden, besonders aber für Microsoft, denn Apple hat wenigstens einen Namen.

Mixed Reality – HoloLens-Vorsprung schmilzt

Microsoft hat schon Anfang 2015 mit der HoloLens Augmented Reality-Brille einen sehr frühen Start in diesem Bereich hingelegt. Bis heute gibt es keinen echten Konkurrenten zur HoloLens und Microsoft scheint im Bereich der eigenständig funktionierenden Augmented Reality-Geräte derzeit die Nase vorn zu haben.

Google und Apple haben ihren Fokus unterdessen auf AR auf Smartphones gelegt, wo die beiden Unternehmen den Redmondern aufgrund ihrer stärkeren Position auch einiges voraus sind. Selbstverständlich bieten Smartphones nicht dasselbe Benutzererlebnis wie eine HoloLens, doch auch in diesen Bereich sollen Apple und Google noch vorpreschen.

Wenn also Microsofts HoloLens im Jahr 2019 erscheint, wie es aktuell geplant ist, wird sie der Konkurrenz in Sachen Hardware einfach aufgrund Microsofts Erfahrung wahrscheinlich weit voraus sein. Mit den Anwendungen dürfte sie allerdings keine Konkurrenz für die Apple- und Google-Headsets sein. Die Entwickler werden nämlich jetzt schon damit beginnen, Anwendungen für ARKit und ARCore zu entwickeln, womit die konkurrierenden Ökosysteme schon zum Start größer sein werden als das von Microsoft. Die Redmonder haben zwar bereits den Windows Store, aber mit den Mixed Reality-Brillen und HoloLens kaum Anreiz für Entwickler im Consumer-Bereich geschaffen.

Was ist Schuld?

Auf der IFA 2017 in Berlin ist uns besonders klar geworden, wie schwer es für Microsoft im Consumer Markt werden könnte. Nur sehr wenige Innovationen, welche auf der Messe gezeigt wurden, unterstützen das Windows-Betriebssystem und viele davon ignorieren die Plattform völlig. Windows 10 zu unterstützen, ist schlechtweg kein Muss. Das ließe sich aber relativ einfach ändern und das nicht nur mir einer höheren Präsenz im Smartphone-Bereich.

Hätte man beispielsweise die Cortana-Lautsprecher dann schon auf den Markt geschickt, als man sie erstmals angekündigt hat, wäre man Apples Siri weit voraus und hätte womöglich mit der richtigen Vermarktung einige potenzielle Alexa-Kunden locken können. Unterdessen produziert die Harman Kardon-Microsoft-Partnerschaft allerdings kaum Resultate, sondern momentan nur Versprechungen.

Microsofts Trägheit zeigt sich aber besonders deutlich bei den Windows Mixed Reality-Headsets. Am 22. Oktober 2016 wurden die Headsets angekündigt, doch erst am 17. Oktober 2017 werden sie auf dem Markt starten. Dazwischen liegen Monate ohne Marketing, ohne Anreiz für Entwicklung und vor allem ohne echte Kommunikation seitens des Unternehmens.

Microsoft macht sich das Leben im Consumer-Bereich durch die eigene Trägheit und das scheinbare Desinteresse daran selbst das Leben schwer. Man hat gute Ideen und gute Produkte, aber auch in letzter Zeit macht man sich Chancen durch fehlende oder zu späte Kommunikation kaputt.

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