Volvo XC40 Pilot Assist – Teilautonomes Fahren im Video-Test

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Autonomes Fahren wird, wie auch die elektrische Mobilität, ein immer wichtigerer Bereich in der Automobilbranche. Zweifellos gibt es in diesem Segment einen Microsoft-Bezug, wenn er auch in der aktuellen Technologie noch nicht zu finden ist.

Stellten Microsoft und Volvo Anfang 2016 noch in einem Video ihre enge Partnerschaft unter dem Motto „The Future is Now“ unter Beweis, so finden sich heute überhaupt keine Vermerke auf eine Kooperation zwischen den beiden Unternehmen.

Der Volvo XC40 – Einige Eckdaten

So gingen beide Konzerne ihre Wege und kürzlich präsentierte Volvo mit dem XC40 einen „kompakten Premium-SUV“, ein Fahrzeug, wie es der Markt aktuell wünscht.

Knapp über 45.000 Euro kostet ein solcher Volvo XC40 samt 190 PS 4-Zylinder D4-Diesel-Motor. Mittlerweile gibt es auch eine Basis-Ausstattung, welche ab 31.000 Euro kostet und diese hat den Pilot Assist allerdings nicht, sondern hier ist es leider eine Option für knapp über 1.500 Euro. Als das Auto auf den Markt kam, gab es diese günstigste D3-Konfiguration noch nicht. Meiner Ansicht nach ist die D4-Variante mit 190 PS die beste Option mit guter, aber nicht übermäßiger Leistung, denn sportlich wird dieses Auto nie sein, und toller Ausstattung.

Ab etwa 48.000 Euro bekommt man auch den 247 PS Turbobenziner, welchen wir auf eine ausgedehnte Testfahrt im natürlichen Habitat dieses „Sport Utility Vehicle“ mitnehmen durften. Nämlich direkt im Zentrum von Wien und in Wiens Vorstadt.

Es ist, frei nach Hesse, das ideale Fahrzeug für die bürgerliche Kleinwelt mit ihren „stillen, anständigen Familienhäusern mit sauberen Gärtchen, blankgehaltenen Treppenhäuser und ihrer ganzen bescheidenen Atmosphäre von Ordnung und Wohlständigkeit“, wo liebende Mütter und Väter ihren Nachwuchs nur in der sichersten Karosse zum Kindergarten fahren, und das Gras schöner grünt als in der Allianz-Arena. Schlaglöcher, enge Straßen und Sackgassen machen hier die Gesamtheit der Wege aus und da ist natürlich der perfekte Ort für ein breit ausgebautes Gefährt, das dort so leicht zu manövrieren ist wie eine Yacht.

Es ist aber zweifellos ein schönes Auto und ich muss gestehen, dass ich den Volvo XC40 in der Wiener Innenstadt deutlich lieber fahre als meinen Ford Fiesta oder einen Smart ForTwo. Er ist nicht so breit wie ein Panzer, sodass man ihn gut durch die Gassen bringt, aber so viel erhabener und komfortabler als ein Kleinwagen. Ich bin kein großer Fan von City-SUVs oder Geländewagen generell, aber ich kann die Verkaufsargumente nachvollziehen. Für mehr ist hier aber nicht der Platz. Einen ausführlichen Fahrbericht kann ich zu einem späteren Zeitpunkt gerne noch nachreichen. In diesem Artikel soll es allerdings rein um den Aspekt des teilautonomen Fahrens gehen. Wie weit ist die Technologie im Jahr 2018? Wie einfach ist sie zu bedienen? Und ist ist der Pilot Assist tatsächlich eine sichere Hilfe oder eher eine Ablenkung während der Fahrt?

Volvo XC40 – Pilot Assist Erfahrungsbericht

Das Partystück des Volvo XC40 nennt sich Pilot Assist. Es unterscheidet den kompakten SUV von der Konkurrenz in Form eines VW Tiguan, BMW X3 oder eines gut ausgestatteten SEAT Ateca. Der Pilot Assist gehört zur Serienausstattung beim Volvo XC40 mit D4- oder T5-Motor, während ähnliche Funktionen bei anderen Herstellern als teure Optionen zusätzlich konfiguriert werden müssen oder vor allem gar nicht existieren.

Der Volvo Pilot Assist wird vom schwedischen Hersteller ausdrücklich als eine Sicherheitsfunktion beworben, nicht als eine Möglichkeit für den Fahrer, ein wenig abzuschalten und ein Nickerchen zu machen. Ich habe das Gefühl, dass Volvo in der Zeit seit der Pressekonferenz mit der Präsentation Anfang Februar das immer mehr betont, es betonen muss.

Denn im Grunde ist der Pilot Assist eine etwas klügere Kombination aus einem adaptiven Tempomat samt Spurhalteassistenten. Man muss die Hände immer am Lenkrad haben und konzentriert bei der Sache sein.

Pilot Assist-Aktivierung und Bedienung

Der Volvo Pilot Assist wird aktiviert, indem man links am Lenkrad den adaptiven Tempomat einschaltet, die gewünschte Geschwindigkeit mit den Rauf- und Runter-Pfeilen einstellt und dann einmal den Pfeil nach rechts auf dem Lenkrad drückt. Das herauszufinden, ist zu Beginn zwar nicht ganz einfach, doch schon nach der ersten Verwendung hat man das verinnerlicht und muss gar nicht mehr darüber nachdenken. Die Nutzung ist absolut intuitiv, die Informationen am Display lenken nicht ab und sind vollkommen logisch. Obwohl das etwas ist, womit ich in einem Auto noch nie zu tun hatte, war es ein System, das ich sofort verstanden habe.

Abseits der Autobahn – Ortsgebiet und Freiland

Wenn der Pilot Assist zur Verfügung steht, wird im Display, welches als Tacho dient, ein grünes Lenkrad angezeigt. Wenn nicht, ist es grau. Solange dieses Lenkrad auch grün ist, steuert das Fahrzeug selbst. Es hält zuverlässig die Spur, verringert die Geschwindigkeit, wenn das vorfahrende Auto langsamer wird und hält auch an, wenn es sein muss. Um aus dem Stand allerdings wieder losfahren zu können, muss das Gaspedal betätigt werden. Das funktioniert sehr zuverlässig und es war während der Testfahrt kein einziges Mal erforderlich, dass ich auf die Bremse steige.

Die Schwächen des Pilot Assist

Manche Situationen überfordern das System aktuell und das ist ganz natürlich. Wenn man beispielsweise auf eine Verkehrsinsel zufährt, kann es sein, dass der Volvo Pilot Assist mit der Situation nicht zurechtkommt. Für diese Fälle sitzt allerdings auch weiterhin ein Mensch hinterm Steuer und muss schließlich auch immer die Hände am Lenkrad haben. Wenn man das übrigens zu lange nicht macht, fährt der Wagen rechts ran und schaltet die Warnblinkanlage ein.

Sobald das System nicht mehr mit der Situation fertig wird, leuchtet das Lenkrad nicht mehr grün und wird grau. Ab diesem Zeitpunkt nimmt das Fahrzeug keine Lenkeinschläge mehr vor und der Fahrer ist ganz auf sich allein gestellt. Da derjenige hinterm Steuer meist wissen sollte, was zu tun ist, fährt man zum Beispiel den Kreisverkehr aus und nach wenigen Sekunden auf einer geraden Straße im Ortsgebiet wird das kleine Lenkrad wieder grün und der Volvo XC40 folgt brav der Spur, lenkt in leichten Kurven mit und hält brav drei Sekunden Abstand.

Die Gefahr beim Pilot Assist besteht darin, dass man als Neuling beim teilautonomen Fahren dem Auto zu sehr vertraut. Man wird mit der Zeit möglicherweise unkonzentriert, hat die Hände zwar am Lenkrad, aber ist nicht vollkommen fokussiert, wie man es wäre, wenn man alles selbst machen müsste.

Volvo geht davon aus, dass der Fahrer aber immer voll konzentriert ist als wäre der Pilot Assist nicht da. Und hier wird die Sache unter gewissen Umständen möglicherweise etwas heikel. Ein Beispiel: Man fährt auf einer Landstraße mit aktiviertem Pilot Assist. Auf der anderen Seite ist Gegenverkehr und es geht in eine Kurve. Der Volvo XC40 kann leichte Kurven mit gleichmäßigen Lenkbewegungen fahren. Wenn die Kurve dann zunehmend schärfer wird, macht das Fahrzeug bereits ziemlich ruckartige Lenkbewegungen, wie, wenn man ein Rennspiel mit einer Tastatur spielt. Man fährt ein Stückchen geradeaus, woraufhin der Wagen mit einem kurzen Ruck am Lenkrad immer wieder nach rechts zieht. Man kommt dadurch aber in der eigenen Spur immer weiter nach links, was zugegeben etwas beängstigend ist, aber das Auto macht seine Aufgabe und lenkt entlang der Kurve. Und dann sind wegen frischer Asphaltierung es mitten in der Kurve plötzlich keine Bodenmarkierungen da und das kleine Lenkrad am Display ist nicht mehr grün, sondern grau. Wenn man nicht immer wieder aufs Tacho blickt, bemerkt man das gar nicht. Und dieses eine Mal wird diese ruckartige Lenkbewegung eben nicht mehr ausgeführt. Und da man in der Spur so weit nach links gekommen ist, kann das wirklich gefährlich werden.

Bevor so etwas allerdings passiert, muss man als Fahrer einerseits ziemlich furchtlos und andererseits sehr unkonzentriert sein. Man bemerkt nämlich schon sehr früh, wenn der wagen in der Fahrspur zunehmend zur Mitte rückt und lenkt dann halt selbst um einige Grad nach, eben wie in den guten alten Zeiten. Man kann die Lenkbewegungen des Piot Assist jederzeit „überschreiben“ und man fühlt absolut keinen Widerstand, wenn die Funktion aktiviert ist.

Man kann sich die Lenkbewegungen durch den Pilot Assist so vorstellen: Man hat die Hände zwar am Lenkrad, aber jemand anders strengt seine Muskeln an, um sie zu bewegen. Tatsächlich ist es so, dass man weniger Ermüdung in den Armen spürt, wenn der Pilot Assist aktiviert ist.

Pilot Assist – Ein großartiges Feature

Wenn man beim Autofahren also nicht vollkommen fahrlässig vorgeht, womit man zudem wohl kaum zur Zielgruppe von Volvo gehört, dann ist der Pilot Assist eine großartige Ergänzung für jeden Fahrer. Man muss nicht selbst Gas geben oder bremsen und wird in der Regel sehr zuverlässig in der Spur gehalten.

Der Pilot Assist verdient zwar die Bezeichnung als teilautonomes System, doch man darf sich das keinesfalls als privates Taxi vorstellen. Den Volvo Pilot Assist muss man als Backup für sich selbst sehen. Er verhindert Auffahrunfälle im Stau, wenn man langsam nach vorne rollt und der Vordermann plötzlich anhält und er greift ein und bringt das Auto in die sichere Spur zurück, wenn man zum Überholen ausschert und ein anderes Fahrzeug im toten Winkel übersieht. Er lenkt, wenn man es aus irgendeinem Grund nicht tut.

Teilautonomes Fahren kann nur fahren

Das teilautonome Fahren im Volvo XC40 beschränkt sich ausschließlich auf das Fahren. Im Gegensatz zum Tesla Model S kann er zum Beispiel langsamere Fahrzeuge nicht selbstständig überholen.

Trotz Verkehrszeichenerkennung hält sich Pilot Assist auch nicht standardmäßig an das Tempolimit. Man hat allerdings die Möglichkeit, am größeren Display in der Mittelkonsole einzustellen, dass sich das Fahrzeug an Limits hält. Übrigens glaube ich, dass das weniger eine echte Verkehrsschilder-Erkennung ist als ein Abruf der Daten aus einer Datenbank, die einfach ins Navi eingespeist wurde. Ich wäre da also vorsichtig und besonders achtsam, denn es gibt Stellen, wo das Navi eben nicht Recht hat.

Der Microsoft-Bezug

Das Rennen um das erste komplett selbstfahrende Auto hat längst begonnen. Es betrifft allerdings lange nicht die Autobranche selbst. Um nämlich ein Fahrzeug vollkommen ohne Interaktion mit dem Fahrer sicher über die Straße zu geleiten, braucht es deutlich mehr als Spurhalteassistenten, Tote-Winkel-Sensoren und adaptive Tempomate. All diese Technologien waren nämlich schon in einer S-Klasse von 2005 zu finden.

Um dies wirklich zu gewährleisten, braucht es mehr als einen leistungsfähigen Bordcomputer. Hierzu braucht es ein Connected Car, Machine Learning und die beste künstliche Intelligenz, welche sich für die Auto-Industrie eignet.

Ist Microsoft bereit?

Es ist als Außenstehender schwer zu beurteilen, wie weit Microsofts Technologie im Bereich der Automobilindustrie fortgeschritten ist. Der Bereich rund um selbstfahrende Autos ist momentan von Forschung dominiert. Jene Produkte, die sich derzeit auf dem Markt befinden, sind klügere Sicherheitsfunktionen, bessere Spurhalteassistenten mit ausgeklügelten Algorithmen.

Mit künstlicher Intelligenz und Machine Learning haben heutige Systeme absolut nichts zu tun. Sie lernen über Software Updates neue Parameter dazu und nicht über Machine Learning.

Wo ist Microsoft aktiv?

Microsoft hat momentan kein Produkt für Automobilhersteller im Bereich der selbstfahrenden Autos. Kein größerer Hersteller hat momentan ein solches Angebot. Die Autohersteller greifen derzeit vorrangig auf die Technologien von Startups zurück, um ihre Copilot-Systeme mit Daten zu füttern.

Microsoft liefert mit der Connected Vehicle Platform derzeit lediglich die Technologie, das Auto von heute mit der Cloud zu verbinden und so auch mit den Produkten des Unternehmens. Office, Cortana und Skype for Business soll das ins Auto bringen, allerdings liegt der Fokus vorrangig auf der Sammlung von Telemetriedaten und der Analyse derer.

Microsofts Forschung

Microsofts Connected Vehicle Platform ist für die Öffentlichkeit völlig undurchsichtig. Man weiß, was sie kann und wozu sie da ist, allerdings nicht, wer sie nutzt, welche Vorteile sie hat oder welche Einschränkungen. Microsofts Whitepaper zu diesem Thema liest sich wie eine Werbebroschüre eines Unternehmens, das bislang keinen einzigen Kunden an Land ziehen konnte. Man hat allerdings mit Nissan, BMW, Ford, Toyota und vielen anderen Konzernen Partnerschaften geschlossen, um an der Technologie für selbstfahrende Autos mitzuarbeiten.

Microsoft wird zu diesen Technologien dank der eigenen Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz sicherlich eine Menge beitragen können. Bei Microsoft arbeiten 8.000 Mitarbeiter an künstlicher Intelligenz und die Resultate können sich jetzt schon sehen lassen. Seeing AI und Drawing AI sind jeweils Technologien, die für selbstfahrende Autos sehr interessant sein könnten. Diese Technologien von Microsoft sind echte AI-Produkte, nutzen Machine Learning, um besser zu werden und sind jetzt schon Teil von unterschiedlichen Anwendungen.

Für Microsoft wird es darum gehen, diese Technologien als Pakete zur Connected Vehicle Platform hinzuzufügen. Und wir denken, dass das noch passieren wird. Ein verfrühter Launch wäre für Microsoft nicht vorteilhaft. Die Hersteller brauchen ein System, auf das sie sich zu 100 Prozent verlassen können und jetzt schon auf den Markt zu preschen mit einer halbgaren Technologie, das aktuelle Startups nicht in den Schatten stellt, wäre in dem Fall der falsche Schritt.

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