Der australische Design-Riese Canva steht vor dem größten Umbruch seiner Firmengeschichte. Wie CEO und Mitgründerin Melanie Perkins in einem internen Memo mitteilte, sind 1271 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sprich etwa 22 Prozent der gesamten Belegschaft, von einer tiefgreifenden Neuorganisation betroffen. Perkins selbst bezeichnete den Schritt als den schwersten Moment in der 13-jährigen Geschichte des Unternehmens.
Nicht alle 1.271 Betroffenen verlieren dabei ihren Job. Die Zahl umfasst auch Beschäftigte, deren Rolle sich ändert oder die nach Sydney umziehen sollen. Wie viele Stellen tatsächlich wegfallen, hat Canva bislang nicht beziffert.
Warum Canva jetzt umbaut
Der Hintergrund ist vor allem wirtschaftlich. Laut Perkins war 2026 das bislang härteste Jahr für Canva, erstmals seit einem Jahrzehnt hat sich das Wachstum verlangsamt. Bereits im August hatte das Unternehmen seine Prognose für das Umsatzwachstum 2026 von 30 auf 20 Prozent gesenkt. Frühe Investoren bewerten Canva laut TechCrunch inzwischen nur noch mit rund 35 Milliarden US-Dollar – im Sommer 2025 lag die Bewertung bei einem Mitarbeiteraktienverkauf noch bei 42 Milliarden.
Dazu kommt der Druck durch KI: Bildgeneratoren in ChatGPT und Gemini erledigen inzwischen viele einfache Aufgaben wie Poster oder Präsentationen, für die man früher Canva geöffnet hätte. Als direkten Grund für den Stellenabbau nennt Canva KI allerdings nicht. Laut ABC geht es eher darum, das Unternehmen für die Entwicklung von KI-Produkten neu aufzustellen, nicht darum, Mitarbeiter durch KI zu ersetzen.
Die drei großen Änderungen
Eine einzige Produkt-Organisation: Die bislang getrennten Bereiche Product, Growth und Platform werden zu einer gemeinsamen Product Org zusammengelegt. Projekte sollen klare Verantwortliche bekommen.
Weniger Spezialisierung und Hierarchie: Canva will Managementebenen streichen und die starke Aufteilung in Unterdisziplinen zurückfahren. Teams sollen Ziele wieder von Anfang bis Ende selbst verantworten. Perkins spricht davon, Canva quasi mit kleinen, eigenverantwortlichen Teams neu gründen zu wollen.
Sydney wird zum Zentrum: Canva hat Teams in 37 Ländern. Die verteilte Arbeit habe zwar Vorteile gebracht, mache es aber schwerer, bei komplexen Problemen die richtigen Leute zusammenzubringen. Künftig soll Sydney die Hauptheimat der Produktteams werden. Außerdem gilt ab Januar für die meisten Hybrid-Beschäftigten: zwei bis drei Tage pro Woche im Büro.
Großzügiges Abfindungspaket
Bemerkenswert ist das Paket für ausscheidende Mitarbeiter, das in der Branche momentan viel Lob bekommt. Während man insbesondere als Softwareentwickler momentan insbesondere in US-amerikanischen Großkonzernen auf die Straße geworfen wird, gibt es von Canva ein solides Abfindungspaket für die betroffenen Mitarbeiter.
- mindestens sechs Monatsgehälter (inklusive gesetzlicher Ansprüche), unabhängig vom Standort
- Wegfall der einjährigen Vesting-Sperre für Aktien bei Mitarbeitern, die im letzten Jahr angefangen haben
- zwölf Monate weitere Krankenversicherung (wo Canva diese bisher stellt) und zwölf Monate Zugang zum Mitarbeiter-Hilfsprogramm Canva Care, auch für Familienangehörige
- Karriere-Coaching, Bewerbungstraining und ein Jahr LinkedIn Premium
- ein freiwilliges Alumni-Talentverzeichnis, das Canva an Investoren und Partner weitergibt
- das Firmen-MacBook darf behalten werden
Wer sich selbstständig machen will, kann sich bis zum 14. Dezember für den neuen Canva Collective Fund bewerben. Er vergibt Zuschüsse von 10.000 US-Dollar, ohne dass Canva Anteile am neuen Unternehmen übernimmt.
Was wird aus Affinity?
Weder Perkins‘ Memo noch die bisherigen Berichte erwähnen Affinity oder das bisherige Team dahinter in Nottingham. Ob und wie stark die Affinity-Entwickler vom Umbau betroffen sind, ist derzeit offen. Affinity war bis zur Übernahme durch Canva ein unabhängiges Softwareunternehmen, welches seine Lösung für Bildbearbeitung kostenpflichtig gegen einmalige Lizenzgebühren anbot. Nach der Übernahme des britischen Herstellers Serif durch Canva wurde die Affinity-Suite konsolidiert und kostenlos angeboten, vorausgesetzt man verwendet einen Canva-Account.
Affinity ist für Canva Teil einer teuren Expansionsstrategie: Affinity Designer, Photo und Publisher wechselten für rund 380 Millionen US-Dollar den Besitzer, während etwa 90 Mitarbeiter ein neues Zuhause fanden unter neuem Dach. Es folgten weitere Zukäufe, darunter 2024 die Plattform Leonardo.Ai und dann Cavalry (Animation), MangoAI, Simtheory und Ortto. Mit jeder Übernahme wuchs die Belegschaft und mit ihr genau die Verästelung in Teams und Spezialbereiche, die Canva jetzt offenbar zurückschneiden will. Ob hierbei nicht eher eine Zentralisierung nach Sydney stattfindet und nicht die versprochene Eigenständigkeit und Eigenverantwortung der Teams gestärkt wird, bleibt bis auf Weiteres offen.

