Deutschland fährt gratis: ein verspäteter April-Scherz #nochbesserweiter

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Foto eines Zugs der Deutschen Bahn

In sozialen Medien und Messengern verbreitet sich die Webseite deutschland-faehrt-gratis.de. Auf dieser wird behauptet, dass die Deutsche Bahn unabhängig vom geplanten 9-Euro-Ticket des Bunds, ein eigenes Angebot kreieren würde. So sollen Einwohner für insgesamt drei Monate kostenlos in Regional Expressen durch Deutschland fahren können, vom 4. April bis zum 4. Juli 2022. Hinzu kommen angebliche Kooperationen mit lokalen Verkehrsgesellschaften, um das Angebot zu komplementieren.

Die Webseite gibt sich dabei als Offizielle aus und macht tatsächlich einen seriösen Eindruck. Sie ist schön gestaltet, zeigt ein mögliches Ticket in voller Pracht und verfügt über ausreichend Informationen zum Angebot. Selbst das Impressum ist vollständig, worin als Herausgeber die Deutschland mobil 2030 GmbH angegeben ist. Die Initiative existiert in Wirklichkeit. Sie setzt sich für Leitlinien ein, um den Verkehr in Deutschland für die Zukunft zu rüsten und die Mobilitätswende zu beschleunigen. Ihre Kampagne #besserweiter bot im September 2021 tatsächlich ein deutschlandweites, zweiwöchig kostenloses Ticket an. Dementsprechend scheint der Hashtag #nochbesserweiter auf den ersten Blick gar nicht so abwegig, vor allem weil sich die Webseite an der ursprünglichen Aktion orientiert.

Der Teufel liegt im Detail

Screenshot von deutschland-faehrt-gratis.de

Obwohl die Webseite Deutschland fährt gratis einen vertrauenswürdigen Eindruck vermittelt und ein „rechtmäßiges“ Impressum besitzt, lassen sich bei genauer Betrachtung ein paar Ungereimtheiten finden.

Zuallererst fällt das Titelbild der Webseite auf. Es zeigt eine euphorische junge Dame, wie sie das Gratis-Ticket in der Hand hält. Im Fokus steht tatsächlich nicht das Ticket, da es durch eine starke Weichzeichnung unkenntlich gemacht wurde. Höchstwahrscheinlich um zu vertuschen, dass die Karte nachträglich rein editiert wurde und dementsprechend nicht in die Lichtbedingungen passt. Achtet man genau darauf, kann man die unsauberen Ränder erkennen.

Des Weiteren findet sich auf der Webseite ein Presseportal, mit mehreren Pressemitteilungen sowie Pressefotos. Hier haben sich die Webseitenbetreiber sogar die Mühe gemacht, alte Nachrichtenmeldungen einzupflegen, um die neuste, erfundene Meldung authentischer zu gestalten. Allerdings besitzen sowohl die Deutsche Bahn als auch Deutschland mobil 2030 ebenfalls eigene Presseportale. Wirft man einen Blick rüber, so fehlt jegliche Erwähnung von #nochbesserweiter. Dadurch kann man die Webseite als gut gemachte Fälschung enttarnen, denn zu jeder großen Aktion gehört eine umfangreiche sowie großflächige Berichterstattung.

Ticket sei nur am Schalter erhältlich

Interessant ist zudem, dass laut Webseite die Tickets nur am Schalter erhältlich seien. Würde die Deutsche Bahn ein vergleichbares Angebot planen, dann hätten sie auch eine digitale Version angeboten. Genauso wie es im September 2021 bei der #besserweiter-Aktion der Fall war, wo das Ticket als PDF zur Verfügung stand. Dies vermeidet große Schlangen an den Informationszentren, neben der Tatsache, dass kleine Bahnhöfe gar keinen Schalter mehr besitzen.

Statt das Hauptaugenmerk auf den Erwerb des Tickets zu legen, ist es den Seitenbetreibern von deutschland-faehrt-gratis.de viel wichtiger, dass die Aktion verbreitet wird. Geschmückt ist die Hauptseite mit einem auffälligen Teilen-Button, der zur angeblichen Unterstützung der Kampagne dient. Das führt uns zu dem Grund, weshalb ich diesen Artikel verfasse. Viele Leute teilen tatsächlich die gefälschte Kampagne samt Webseite. Wirft man einen Blick auf den Twitter-Hashtag #nochbesserweiter, so fällt auf, dass neue Tweets in geringen Zeitabständen erscheinen. Ich vermag es mir nicht vorzustellen, wie schnell sich die Kampagne über Instant-Messenger verbreitet, die ein deutlich komfortableres Massen-Teilen erlauben.

Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) meldet sich zu Wort

Aufgrund der rasanten Verbreitung meldeten sich der VDV sowie das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz an einem Sonntag zu Wort.

Auf der Deutschland-fährt-gratis-Webseite ist eine Pressemitteilung als PDF-Datei verlinkt. Als Autor dieser Mitteilung wird Lars Wagner vermerkt, er ist für die Kommunikation vom VDV zuständig. Nun stellte er in einem Tweet klar, dass es sich um eine Fake-Kampagne handelt, deren Behauptungen falsch sind.

Unter einem zufälligen Beitrag, in dem #nochbesserweiter geteilt wurde, reagierte das Twitter-Konto vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz und entlarvte die Webseite als Fälschung.

Verteilte man Laufzettel?

Auf Twitter meldete sich ein Nutzer mit wenigen Followern zu Wort, dass er einen Laufzettel erhalten habe, der für die Aktion wirbt. Als Beweis ist ein Foto an den Tweet angehängt. Leider bleibt eine Antwort auf die Nachfrage unsererseits aus, an welchem Ort er den Zettel in die Hand gedrückt bekam.

Internet-Troll im ganz großen Stil

Wir hoffen mit diesem Artikel vermeiden zu können, dass sich vor den Schaltern der Deutschen Bahn ein spontanes WindowsArea-Lesertreffen bildet. Denn die Webseite deutschland-faehrt-gratis.de macht auf den ersten Blick einen vertrauenswürdigen Eindruck und lädt zum Teilen der Inhalte auf. Das führt wiederum zur großflächigen Verbreitung von Falschinformationen.

Sollte eine Person in eurem Bekanntenkreis die Webseite an euch weiterleiten, dann könnt ihr gerne mit diesem Artikel darauf antworten.

Update vom 04.04.2022 um 00:38

Mittlerweile ist eine neue Version der Internetpräsenz von Deutschland fährt gratis online gegangen. Im Footer der Seite ist nun das Logo von ZDF Magazin Royale hinterlegt. Auch das Impressum verweist jetzt auf die Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld UE GmbH, die unter anderem die Sendung von Jan Böhmermann produziert.

ZDF Magazin Royale und Jan Böhermann könnten sich mit dieser Webseite wohl einen Spaß erlaubt haben. Nur leider ist es für das Team von WindowsArea nicht ersichtlich, in welcher Form das hinters Licht führen von hunderten Leuten einen Mehrwert bieten soll. Stattdessen müssen Mitarbeiter am Schalter die nächsten Tage dauerhaft erläutern, weswegen es kein kostenloses Ticket gibt. Im schlimmsten Fall bilden sich sogar Schlangen an Informationsstellen, die Reisende nur unnötig aufhalten würden.

Doch selbst dies ist nur eine Vermutung, die Webseitenbetreiber könnten eine falsche Fährte gelegt haben.

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Über den Autor

21 Jahre alt | Redakteur & Videoproduzent bei WindowsArea seit 2016

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