Joe Belfiore spricht: Darum der Wechsel zum Chromium Edge

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In einem neuen Interview spricht Microsofts ehemaliger Windows Phone-Chef und heutiger Corporate Vice President Joe Belfiore über die Gründe für die Zusammenarbeit mit dem großen Konkurrenten Google am neuen Microsoft Chromium Edge-Browser. Das ist die Geschichte vom Wechsel zur Chromium-Basis.

Microsoft Edge hat sich zwischen 2015 und Ende 2018 von einem absoluten Barebone-Software-Produkt zu einem benutzbaren Browser entwickelt. Im ersten Jahr fehlten jedoch sogar Erweiterungen, die Seitendarstellung war in vielen Fällen nicht ideal und die Zuverlässigkeit ein großes Problem. Mit dem Oktober 2018 Update machte der Edge-Browser einen enormen Schritt in die richtige Richtung, doch sein Schicksal war bis dahin bereits besiegelt.

Im Sommer 2017 kam nämlich Microsoft-Chef Satya Nadella ins Büro von Joe Belfiore und sagte:“Hey, ich möchte mehr Fortschritte beim Browser sehen.“, erinnert sich der einstige Windows Phone-Chef. Nadella erwartete sich mehr von deren Browser. Er sah, dasss Chrome seine Position als absolute Nummer eins gefestigt hatte und Zeit für eine Veränderung. In diesem Meeting mit Joe Belfiore wurde ab Sommer 2017 die Zukunft des Microsoft Edge-Browsers als Chromium-basiertes Produkt beschlossen.

Wie Edge zu Chromium wurde

Kurz danach wurde vom Microsoft Edge-Team eine Liste erstellt, worin alle Fehler des Edge-Browsers analysiert wurden. Diese Analyse sollte intern eine Diskussion hervorrufen darüber, was mit dem Edge-Browser getan werden soll. In diesem Papier wurden letzten Endes die Vorzüge und Nachteile des Edge-Browsers aufgelistet. Als Nachteile waren Dinge gelistet, die zwar nicht unlösbar waren, welche jedoch den Edge-Browser in seiner Akzeptanz bei den Nutzern bremsten.

Verteilung

Eines der größten Probleme, die Microsoft identifizierte, klingt zweifellos etwas paradox: Die Verteilung. Das Unternehmen erreicht mit dem Edge-Browser wenige Nutzer, „weil wir nur auf Windows 10 sind“, gibt Belfiore zu. Im Vergleich zu all den Geräten weltweit sind wir mit Windows 10 allein in der Minderheit.

Updates

Windows 10 war kein Garant für den Erfolg von Edge und genauso problematisch dafür war der Update-Zyklus des Browsers. Dieser wurde nämlich nur über Feature Updates aktualisiert, welche zweimal jährlich ausgerollt werden. Dadurch fiel der Edge-Browser im Vergleich zur Konkurrenz noch weiter zurück.

Kompatibilität

Genauso ein genannter Nachteil des Microsoft Edge-Browsers war die Kompatibilität mit verschiedenen Seiten. Nachdem Edge eine andere Rendering-Engine als Chrome, somit also knapp 90 Prozent des Webs, verwendete, hatte der Browser gelegentlich Probleme mit der Darstellung von Webseiten. Aufgrund des geringen Marktanteils wurde häufig nicht für den Microsoft-Browser optimiert.

UWP

Microsofts Joe Belfiore gibt auch zu, dass UWP ein klarer Nachteil des Browsers war. „Es ist nicht so, dass UWP schlecht ist, aber es ist eben keine 35 Jahre alte, erwachsene Plattform für die bereits eine lächerlich große Zahl an Apps geschrieben wurde.“, erklärt der Manager. Das Edge-Team musste auf verschiedene UWP-Verbesserungen warten bevor einige Dinge im Browser implementiert werden konnten. Microsoft musste Edge deshalb zum Desktop-Programm machen.

Überlegungen

Microsoft hatte natürlich mehrere Optionen bedacht, darunter eine Bereitstellung des Edge-Browsers im Windows Store, sodass dieser häufiger aktualisiert werden könnte als Windows 10 selbst. In einem weiteren Meeting wurden dann die Optionen besprochen, aber entschieden wurde noch nichts. Die Umstellung auf die Chromium-Basis war eine Option.

Es hieß aber:“Wir denken, wir können dahin kommen bei der Kompatibilität.“ Ein Wechsel zur Chromium-Engine war vorerst vom Tisch. Microsoft setzte mehr Programmierer auf die Behebung von Kompatibilitätsproblemen an und während man einige Fehler beheben konnte, kamen immer wieder neue Probleme hinzu. Das Web entwickelte sich zu schnell und Chrome schaffte neue Standards, mit denen das Edge-Team nicht mithalten konnte. Bevor Joe Belfiore ins Unternehmen zurückkam, wurde EdgeHTML separat vom Edge-Browser selbst entwickelt. Auch das hatte die Entwicklung bis dato verlangsamt.

Blade und Septagon: Edge-Prototypen

Als Joe Belfiore die Teams zusammenführte, wurden verschiedene Prototypen auf Basis unterschiedlicher Open Source-Technologien entwickelt. Blade nannte sich das erste Projekt, welches die bestehende Edge-Anwendung hernahm und die Blink-Engine im Hintergrund laufen ließ. Ein anderer Prototyp namens Septagon nutzte die Chromium-Basis und dafür hatte man sich am Ende entschieden.

An einem Freitag, wo sich regelmäßig das Senior Leadership Team von Microsoft trifft, war das Windows-Team an der Reihe, einen „Researcher of the Amazing“ zu präsentieren. Dabei wird ein Mitarbeiter eingeladen, der ein interessantes Projekt vorstellt, an dem er gerade arbeitet. Während des SLT-Meetings wurde der Septagon Prototyp gezeigt und er wusste zu begeistern.

Selbst Bill Gates wurde gefragt

Im Anschluss wurde genau evaluiert, was es benötigte, um Microsoft Edge auf Chromium-Basis zu entwickeln. Es war ein enormer Schritt für das Unternehmen. Jeder, der im Unternehmen was zu sagen hat der hatte, wurde zu dem Schritt befragt. Selbst Microsoft-Gründer Bill Gates wurde eingeweiht. Die Teams verbrachten Monate damit, sich auf die vollkommene Änderung in ihrer Arbeitsweise umzustellen, den Chromium-Code zu untersuchen und zu lernen.

Im September 2018 wurde die Umstellung dann von Microsoft-Chef Satya Nadella beschlossen. Im Dezember 2018 war dann die Ankündigung für die Öffentlichkeit fällig und das Feedback der Open Source-Community war überwiegend positiv. Auf der anderen Seite gab es jedoch auch Kritik von Mozilla an der Entscheidung.

Arbeit am Chromium Edge

Erst, nachdem die Ankündigung gemacht war, begann die wirkliche Arbeit am Browser selbst. Microsoft arbeitete jetzt eng mit Google-Entwicklern am eigenen Browser-Projekt und zu Beginn gab es gewisse Kommunikationsprobleme. Ob man nun Hangouts oder Microsoft Teams verwendet, Microsoft Office oder Google Docs, das war oftmals umstritten. Nachdem sich aber Microsoft dem Projekt neu angeschlossen hatte, nutzte man das, was den Chromium-Entwicklern am besten passte.

Nun konkurrieren die beiden Konzerne direkt mit ihren Browsern, allerdings auf derselben Basis. Beide sind scheinbar froh über diese Partnerschaft während Microsoft noch damit beschäftigt ist, herauszufinden, wo die Reise mit Chromium noch hinführen wird.


Quelle: The Verge

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